Lesefutter: Drei schlaue Bücher

Normalerweise will ich, wenn ich ein Buch zur Hand nehmen, eigentlich nur abtauchen und mich in fremde Welten entführen lassen. Aber hin und wieder bin ich überrascht, wie faszinierend man über das echte Leben schreiben kann: Diese drei Sachbücher haben mich in letzter Zeit wirklich gefesselt und mir beim Lesen viele Aha-Erlebnisse beschert.

Stephen Grosz: Die Frau, die nicht lieben wollte (S.Fischer)
Stephen Grosz ist Psychoanalytiker in London und schreibt so faszinierend über seine Arbeit und seine Patienten, dass ich richtiggehend hineingesogen wurde in dieses Buch. Die Frau, die nicht lieben wollte ist kein Selbsthilfe-Feelgood-Ratgeber, sondern eine intime, dichte Sammlung trauriger, bewegender und ermutigender Fallgeschichten. Grosz schildert Wendepunkte und Entwicklungsprozesse aus seinen Therapien, beschreibt, wie Menschen sich selbst im Weg stehen und wie das, was sie verdrängen, sie unbewusst blockiert. Oftmals lässt er das, was er gemeinsam mit seinen Patienten ausgebuddelt hat, dann einfach so stehen. Gab es ein Happy End, wurde doch noch alles gut? Man weiß es nicht, und gerade deswegen bleiben die Geschichten im Kopf und arbeiten weiter. Hat mich ähnlich fasziniert wie Ferdinand von Schirachs Geschichten über seine Erlebnisse als Anwalt in Verbrechen und Schuld. Oh, ich sehe gerade: Am 11.9. erscheint Tabu, ein neuer Roman von Ferdinand von Schirach. Yay!

Charles Duhigg: Die Macht der Gewohnheit (Berlin Verlag)
Ein ganz schöner Schinken, den Wissenschaftsjournalist Charles Duhigg in Die Macht der Gewohnheit über die Mechanismen von Routinen zusammengetragen hat – aber es liest sich so leicht und angenehm, dass man das gar nicht merkt. Immer wieder verdeutlicht er Prinzipien anhand von realen Geschehen: ein verheerender U-Bahn-Brand in London, die Aktienkurse eines Aluminiumherstellers, die Frage, woran man erkennt, dass Frauen schwanger sind oder warum Rosa Parks (auch) aufgrund von Gewohnheiten ihres sozialen Umfelds zu einer Ikone der Bürgerrechtsbewegung wurde (und was Martin Luther King damit zu tun hatte). Und wie ändert man nun eine Gewohnheit? Das Buch liefert viele Antworten, aber was mir am meisten hängengeblieben ist: Eine schlechte Angewohnheit ersetzt man am besten durch eine andere (gute).

Sandra Konrad: Das bleibt in der Familie (Piper)
Psychologin Sandra Konrad erklärt in Das bleibt in der Familie, wie Familien ticken – und warum sie manchmal austicken. Auch sie kann dabei auf zahlreiche Fälle aus ihrer Arbeit zurückgreifen. Spannend: Jeder Mensch bekommt von seinen Eltern unbewusste „Aufträge“ mit auf den Weg. Zum Beispiel: „Du sollst erfolgreich sein“, „du sollst aufbegehren“, „du sollst uns nie verlassen“ oder anderes – Themen, mit denen Eltern die Eltern kämpfen oder gekämpft haben und die sie dann unbewusst an ihre Kinder weitergeben – manchmal sogar an die Enkel. Interessant, um sich auch selbst mal zu fragen: Was trage ich eigentlich mit mir herum? Welche Ansprüche an mich und mein Leben habe ich verinnerlicht – und sind die überhaupt (noch) sinnvoll?

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4 Kommentare zu “Lesefutter: Drei schlaue Bücher

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