Couch-Geflüster: Meine März-Bücher

Das beste Mittel gegen Aufschieberitis: sich dadurch zu einer Sache, die man eigentlich schon ewig machen wollte, zu motivieren, dass man sich eine andere Sache vornimmt, die auch ganz dringend erledigt werden sollte. In diesem Fall heißt das: Eigentlich wollte ich hier im Blog dieses Jahr jeden Monat über die Bücher schreiben, die ich gerade so lese. Dann war die Buch-Ausbeute im Januar so mau, und dann kam der Februar und der Urlaub – und jetzt ist es März, ohne dass ich eine einzige Zeile über neue lesenswerte Zeilen geschrieben habe. Weil ich aber eigentlich auch heute zum Sport gehen wollte, habe ich auf einmal irre Lust, endlich diesen (auf meiner imaginären To-Do-Liste) längst fälligen Post zu schreiben. Das nutze ich aus. Hier also, was ich zuletzt gelesen und gemocht habe:

*NoViolet Bulawayo: We Need New Names
Ein Buch, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Die Autorin ist eine simbabwische Schriftstellerin, die in den USA lebt, und ihre Sprache hat so viel Power, dass es einen einfach umhaut. Sie schreibt über ihr Heimatland Simbabwe (ohne dass der Name des Landes jemals fällt) und das, was die Regierung unter Mugabe dort angerichtet hat. Vor allem geht es um die „Operation Murambatsvina“ (Shona für „Müllentsorgung“; offiziell heißt sie „Operation Restore Order“), in der die Regierung seit 2005 mit brutaler Gewalt Menschen aus ihren Behausungen vertreibt und so genannte „informal settlements“ zerstört. Erzählt wird das mit der Stimme eines Mädchens, Darling, das dadurch sein Zuhause verliert und daraufhin im Slum „Paradise“ aufwächst. Der Roman und Darlings Weg, der schließlich nach Amerika führt, wird episodenhaft geschildert. Besonders das titelgebende Kapitel „We Need New Names“ macht mir Gänsehaut. Wir haben Simbabwe letztes Jahr auf unserer Afrika-Reise besucht, vielleicht interessiert es mich deswegen so, was in diesem schönen, gebeutelten Land passiert. Fesselnd, verstörend, berührend.
Was hängenbleibt: Der Gedanke, dass man alles auch ganz anders sehen kann: So denkt die Protagonistin angesichts müllfreier Straßen in Amerika nicht, wie schön sauber es sei, sondern vermisst den Abfall, der in ihrer Heimat den Straßenrand ziert: Daran sehe man doch erst, dass Menschen hier leben.

*Caitlin Moran: How To Be A Woman (dt. how to be a woman. Wie ich lernte, eine Frau zu sein)
Die britische Kolumnistin Caitlin Moran hat mit How To Be A Woman vor zwei Jahren eine Mischung aus Autobiographie, Lebensratgeber und feministischem Manifest vorgelegt – die auch noch wahnsinnig witzig ist. Ehrlich, derb und witzig schildert Moran ihren Weg von der 13-Jährigen, die die Unterhosen ihrer Mutter auftragen muss, zur Mittdreißigerin, die Lady Gaga interviewt, glücklich verheiratet ist, und zwei Kinder hat, und arbeitet dabei amüsant durch, was Frausein heute bedeutet. Feminismus für Fortgeschrittene nannte die Zeit das damals in einer Rezension. Von Highheels, Handtaschen, Sexismus im Büro bis hin zu Intimrasur und Abtreibung – Moran lässt nichts aus. Fragen wie BH-Kauf, Tangas und welche Kosenamen für Brüste und Vagina angemessen sind, verhandelt sie angesichts eigener Erfahrungen und brüllkomischer Anekdoten („my girls“ könne eigentlich keine Frau mehr zu ihren Brüsten sagen, weil man dabei reflexartig an Scarlett Johanssons‘ girls denken müsse, seit die den Begriff einmal verwendet hat). Selten so oft „ja, ja, ja“ gedacht beim Lesen eines Buches. Und so viele Passagen markiert. Zum Beispiel:
*These days, sexism is a bit like Meryl Streep, in a new film: sometimes you don’t recognise it straightaway.
*Oder: You should NOT buy an outfit if you have to strike a sexy pose in the changing-room mirror to make it look good.
*Und: You can always tell when a woman is with the wrong man, because she has so much to say about the fact that nothing’s happening.
Was hängenbleibt: 1. Dass zwei Fragen ausreichen, um herauszufinden, ob man Feministin ist: a) Do you have a vagina? b) Do you want to be in charge of it? Zwei Mal „ja“? Herzlichen Glückwunsch, Sie sind eine Feministin! 2. Ein guter Rat: Um herauszufinden, ob jemand sich gerade frauenfeindlich verhält, solle man sich einfach mal fragen „Ist das höflich?“ (Don’t call it sexism. Call it ‚manners‘ instead.). Und dann auch genauso kontern: „Das war jetzt aber ein wenig… unhöflich.“ Damit nehme man Dummschwätzern den Wind aus den Segeln, ohne hysterisch zu wirken und deswegen nicht ernst genommen zu werden. 3. Noch ein guter Rat: Frauen sollten sich nicht mehr mit Selbstverbesserung und lähmender Selbstkritik stressen, sondern machen statt sein. (Accepting that you’re just some perfectly ordinary woman who is going to have to crack on, work hard and be polite in order to get anything done is – once you’ve got over the crippling disappointment of your thundering ordinariness – incredibly liberating.)

*Gretchen Rubin: The Happiness Project (dt. Das Happiness-Projekt)
Auch dieses Buch ist schon ein paar Jährchen alt und damals durch viele Medien gewandert. Selbstversuche gehen ja immer gut. Aber das meine ich gar nicht zynisch, denn dieses Buch ist toll, ich habe gern gelesen, wie Journalistin Rubin ein Jahr damit verbringt, glücklicher zu werden, indem sie versucht, alle möglichen Erkenntnisse aus der Glücksforschung in die Tat umzusetzen. Ihr Fazit: Ja, es kann einen glücklicher machen, morgens zu singen, den Kleiderschrank auszumisten oder Sachen zu erledigen. Auch mit Hilfe ihres Blogs ist daraus eine richtige Glücks-Bewegung geworden, sehr hands-on, sehr motivierend. Die deutsche Version des Projekts, Das Glücksprojekt von Alexandra Reinwarth, ist übrigens auch sehr nett.
Was hängenbleibt: Zynismus ist einfach, Begeisterung ist mutig. Oder, wie Rubin schreibt: Enthusiasm is a form of social courage. Sie erklärt, warum es manchmal so schwer sein kann zu sagen, dass man etwas gut findet, oder warum wir ungefilterte Begeisterung bei anderen gern belächeln. Eine Studie zeigte zum Beispiel, dass Menschen glauben, die Schreiber von negativen Buchkritiken hätten mehr Ahnung als die von positiven. Also, Mut zum „Gefällt mir“! Und noch ein Satz, den ich mir gemerkt habe: What you do every day matters more than what you do once in a while. Im Augenblick schreibt Rubin übrigens an einem Buch über Gewohnheiten. Bin gespannt drauf!

So, langsam muss ich jetzt aber doch los zum Sport. Deswegen die letzten drei nur noch kurz:

*Zadie Smith: London NW
Ich mag Zadie Smith, ihre Bücher Von der Schönheit und Zähne zeigen fand ich anbetungswürdig. Auf ihr neues Buch über vier Menschen aus dem eher problematischen Londoner Stadtteil North West hatte ich mich daher sehr gefreut. Aber bei London NW packten mich die Charaktere irgendwie nicht. Toll geschrieben, keine Frage, aber diesmal habe ich keinen rechten Zugang gefunden. Klug und erhellend, aber kalt wie Marmor, schrieb die Zeit.

*Daniel Bergner: What Do Women Want? (dt. Die versteckte Lust der Frauen)
Schlaue Journalisten, die schlaue Bücher schreiben, finde ich toll. In diesem geht es um weibliche Sexualität, Lust und Begehren und darum, was die Libido anfeuert – auch, wenn sie mal eingeschlafen ist. Mit diesen Fragen beschäftigen sich ja zurzeit auch diverse Pharmafirmen, die versuchen, eine Art „Viagra für die Frau“ zu entwickeln. Was Bergner aus seinen Gesprächen mit zahlreichen Wissenschaftlern destilliert, ist spannend und super zu lesen und hat für reichlich Wirbel gesorgt: Er sagt zum Beispiel, dass Frauen von Natur aus gar nicht so monogamie-fähig seien, wie sie immer dargestellt werden. Im Zweifelsfall feuert nämlich nichts eine schlappe Libido so sehr an wie ein neuer Partner.

*Robert Galbraith: Der Ruf des Kuckucks
Der Krimi, den Harry Potter-Autorin J.K. Rowling unter Pseudonym geschrieben hat, ist ein ziemlicher Schinken. Irgendwie (auf gute Weise) altmodisch, eine Detektivgeschichte, die sich viel Zeit lässt. Eine nette Lektüre, nur bei der Auflösung geht ihr leider ein wenig die Luft aus. Bin gespannt, ob daraus eine Reihe wird, denn die Hauptfiguren, der abgehalfterte Privatdetektiv Cormoran Strike und seine Sekretärin Robin, hätten das Potenzial dazu.

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4 Kommentare zu “Couch-Geflüster: Meine März-Bücher

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