Geguckt, geklickt, gelesen

In den letzten Tagen habe ich seit langem mal wieder viel Zeit mit und in der Deutschen Bahn verbracht. Und nein, ich werde jetzt nicht darüber meckern, dass die Ansage „Es werden alle Anschlusszüge erreicht“ eine Lüge ist, wenn man den ICE nach Köln zwar noch „erreicht“, aber nur noch, indem man einen Blick auf seine Rücklichter werfen kann. Nein, diese Scharte hat die nette Dame an der Info gleich wieder ausgewetzt. Was ich eigentlich sagen wollte, ist, dass ich endlich mal wieder sehr viel Zeit zum Lesen hatte – herrlich. Ein paar meiner Highlights:

  • Brigid Schulte: Overwhelmed. Work, Love And Play When No One Has The Time
    Nichts gegen einen guten Roman, aber in letzter Zeit habe ich irgendwie vermehrt Lust auf Bücher, die mich bis vor ein paar Jahren noch null interessiert haben: nämlich Sachbücher. Erlebnisberichte, Memoiren, Ratgeber – die finde ich zunehmend spannender (hier hatte ich schon mal welche vorgestellt). Vor allem, wenn sie nicht nur lehrreich, sondern auch noch gut geschrieben sind. Verschlungen habe ich zum Beispiel das Buch der Amerikanerin Brigid Schulte, Overwhelmed. Work, Love and Play When No One Has The Time. Die Journalistin startet mit ihrem eigenen Gefühl der Überforderung. Statt wirklich Zeit für die Dinge zu haben, die ihr wichtig sind (und für sich selbst), hat sie den Eindruck, ihr Alltag bestünde nur noch aus wertlosen Fetzen „Zeit-Konfetti“. Als ihr dann auch noch ein Zeitforscher erklärt, sie habe doch jede Woche 30 Stunden „Freizeit“, wird sie richtig wütend, denn ihr Leben fühlt sich überhaupt nicht so an. Vor allem, weil sie – wie sie dann im Laufe ihrer Recherche herausfindet – als Mutter sehr viel „unsichtbare“ geistige Arbeit (mental labor) in Bezug auf Kinder und Familie hat. Also z.B. nicht nur die Zeit, die sie damit verbringt, Kinder zu Hobbys oder Arztbesuchen zu chauffieren, sondern überhaupt die geistige Anstrengung, die es erfordert, all diese Termine im Kopf zu haben und zu koordinieren. Sie bearbeitet das Thema gründlich von allen möglichen Seiten, erklärt z.B. auch die historischen und politischen Hintergründe der Entwicklung hin zur Überforderung. In den USA, wo Arbeitnehmer ja sehr viel weniger Urlaubstage haben als wir in Europa (und von diesen auch noch viele einfach verfallen lassen) und Kinderbetreuung staatlich sehr viel schlechter (bis gar nicht) organisiert ist, hat das Problem noch ganz andere Dimensionen, aber die Ergebnisse, zu denen Schulte kommt, sind auch auf dieser Seite des Atlantiks spannend und lehrreich. Zum Beispiel, weil sie anregt, sich mal wieder Gedanken über die eigenen Prioritäten zu machen (womit will ich wirklich meine Zeit verbringen?). Dabei musste ich an den schönen Satz aus Gretchen Rubins Happiness Project denken: What you do every day matters more than what you do once in a while. Weiterer Denkanstoß: Sich in Partnerschaften dem Ideal der Gleichberechtigung wirklich mehr anzunähern, wenn es um Haushalt & Co. geht, auch wenn das viele und vielleicht mühsame Diskussionen erfordert. Wer mehr erfahren will: Bei goop gibt es ein längeres Interview mit Brigid Schulte (unterbrochen von anderen Beiträgen, nicht wundern) unter der Überschrift „Ending the Mommy Wars“.
  • Eve O. Schaub: Year of No Sugar
    Zuckerfrei gebacken habe ich ja schon hier und da, aber das Experiment von Eve O. Schaub geht noch sehr viel weiter: Sie hat mitsamt ihrer Familie (Ehemann und zwei Töchter) ein Jahr lang zuckerfrei gelebt – und dabei nicht nur festgestellt, in wievielen Produkten (Brot, Mayonnaise, Balsamico-Essig) unerwartet Zucker enthalten ist, sondern auch, wie sich der Geschmack verändert, wenn man längere Zeit darauf verzichtet. Und wie viel Aufwand das bedeutet (Brot backen, Tomatensoße selbst kochen etc.). Außerdem fiel ihr natürlich vermehrt auf, wie sehr Feiertage (Ostern, Weihnachten, Halloween) um den Konsum von Zucker kreisen. Um nicht völlig zu Außenseiter zu werden beziehungsweise um besser durchzuhalten, hatte Schaub übrigens mit ihrer Familie vereinbart, dass es jeden Monat einen Nachtisch oder Kuchen mit Zucker geben sollte, den abwechselnd eines der Familienmitglieder aussuchen durfte. Am Ende des Jahres waren sie dann teilweise schon gar nicht mehr in der Lage, das ganz aufzuessen, weil ihnen die Süßigkeiten mit der Zeit viel zu süß vorkamen. Nach Abschluss des Experiments lebt die Familie übrigens (anders als z.B. die Australier Sarah Wilson oder David Gillespie) nicht mehr komplett zuckerfrei, hat aber viele ihrer Gewohnheiten umgestellt und verwendet statt normalem Haushaltszucker für viele Rezepte Dextrose (Traubenzucker), also „gute“ Glucose statt der „bösen“ Fructose. Den Anstoß zu ihrem Experiment gab übrigens das Video Sugar: The Bitter Truth von US-Kinderarzt und Neuroendokrinologe Dr. Robert Lustig, einem vehementen Anti-Zucker-Aktivisten.
  • Caitlin Moran: Moranthology
    Von Caitlin Moran, einer britischen Autorin und Feministin, und ihrem Buch How to be a woman, hatte ich ja schon hier geschwärmt. Ihr zweites, Moranthology, eine Sammlung von Kolumnen, ist bislang nicht auf deutsch erschienen. Und wird es vermutlich auch nicht, weil es phasenweise sehr speziell britisch ist, sich auf britische TV-Serien, Politiker etc. bezieht. Trotzdem fand ich es sehr lesenswert, weil sie immer wieder auf ihre witzige Art aus ihrem Alltag erzählt und weil ihre TV-Kritiken fantastisch geschrieben sind. Im Moment ist sie übrigens gerade mit ihrem neuen Buch, How To Build A Girl, auf Lesereise.
  • Cheryl Strayed: Tiny Beautiful Things
    Jeder, den ich zur Zeit treffe, muss sich mein Schwärmen von diesem wunderbaren Buch anhören. Mann, ist das toll! Cheryl Strayed ist nicht nur die Autorin des Bestsellers Der große Trip. Tausend Meilen durch die Wildnis zu mir selbst (gerade mit Reese Witherspoon verfilmt), sondern auch die Frau, die unter dem Pseudonym „Sugar“ auf der Kultur-Website The Rumpus.net in der Kolumne Dear Sugar Lebenshilfe erteilt. Das klingt jetzt so banal, dabei sind Strayeds Texte alles andere als das. Sie gibt keine Kummerkasten-Tanten-Tipps, sondern nimmt die Fragen und Sorgen der Menschen, die ihr schreiben, wirklich ernst und packt bei ihren Antworten auch selbst richtig aus, erzählt zum Beispiel von ihrer gescheiterten ersten Ehe, dem Tod ihrer Mutter und anderen prägenden Lebensereignissen, die ihr helfen, das Leiden anderer besser zu verstehen. Das Ganze in einer so wunderbaren Sprache, so authentisch, wahr und wortgewaltig, dass ich beim Lesen ganz oft Tränen in den Augen hatte. Kleine und große Lebensweisheiten und -wahrheiten. Mann, ist das toll!
    BücherCollage
    Meine Mutter wird jetzt bestimmt wieder schimpfen, dass ich wieder nur englische Bücher vorgestellt habe, aber das musste diesmal einfach sein. Sorry, Mama!

 

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3 Kommentare zu “Geguckt, geklickt, gelesen

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