Filmfest-Fieber Teil 2: Neues deutsches Kino

Mir schwirrt der Kopf. Und das Herz. Von all den Filmen, die ich in den letzten Tagen auf dem Filmfest München gesehen habe. Berührt, beglückt, verwirrt, und manchmal auch genervt haben sie mich. Und es ist ja noch nicht vorbei, erst morgen ist der letzte Tag. Was ich besonders mag und in letzter Zeit fast vergessen hatte: Wie schön es ist, mit vielen anderen gemeinsam in einem dunklen Kinosaal zu sitzen und Filme zu erleben, auf emotionale Achterbahnfahrten zu gehen (ähnlich wie heute beim Fußball…). Lachen, Weinen, Wundern – und hinterher fragen: „Na, wie fandest du’s?“
Von „Wir sind die Neuen“ und „Wir waren Könige“ habe ich ja schon hier erzählt (und von „Bornholmer Straße“, aber das wird ja Fernsehen, kein Kino). Hier noch die übrigen deutschen Filme dieser Woche. Der Abschluss mit den Internationalen folgt.

*Ein echtes Highlight:  Der Film Ein Geschenk der Götter von Oliver Haffner mit der wunderbaren Katharina Marie Schubert (wer die „Tatortreiniger“-Folge mit ihr als Prostituierte noch nicht gesehen hat, unbedingt nachholen!). Sie spielt eine Schauspielerin, die am Ulmer Stadttheater geschasst wird und vom Arbeitsamt die Leitung eines Kurses für Langzeitarbeitslose aufs Auge gedrückt bekommt. Mit ihrer Außenseiter-Truppe versucht sie, Sophokles‘ „Antigone“ zu inszenieren – und nebenbei ihr eigenes Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Keine brüllkomische Komödie, aber ein liebevoller, lustiger Film. Einen Kinostart-Termin gibt es bislang noch nicht. Hoffentlich bald!
Filmfest_Ein Geschenk der Götter

*Schwere Kost dagegen: Schönefeld Boulevard von Sylke Enders. In Schönefeld lebt Cindy. Cindy Two, denn es gibt ja auch noch eine Nummer eins, Cindy One. Cindy Two ist moppelig und unbeholfen, wackelt ihrem Abitur entgegen, wird von ihrem Sandkastenfreund und den Klassenkameradinnen gehänselt und sehnt sich danach, dass ihr Leben endlich richtig anfängt. Eine mal harte, mal zarte Coming-of-Age-Geschichte.
filmfest2_schoenefeld

*Die Entstehungsgeschichte sieht man Worst Case Scenario an: Während der EM 2012 in Polen wollte Regisseur Franz Müller eigentlich dort einen Film drehen. Dann brach die Finanzierung weg, das Projekt drohte zu scheitern. Müller fuhr trotzdem nach Polen und drehte mit Mini-Mitteln einen Film über das Scheitern eines Films. Für das Drehbuchschreiben blieb leider nicht viel Zeit, darum mussten die Schauspieler oft improvisieren. Das machen sie eigentlich gut, aber trotzdem konnte ich bei dem Film, der mehr wie ein Dokumentarfilm als eine Komödie (was er wohl eigentlich sein sollte) wirkt, nicht wirklich mitgehen. Vor allem, weil die Hauptfigur, der Regisseur Marc, den Samuel Finzi spielt, von Anfang an so unsympathisch gezeigt wird, dass man überhaupt kein Interesse daran hat, ob er seinen Film nun drehen kann oder nicht. Schade.
filmfest2_worstcase

*Ich mag Episodenfilme. Und ich mochte auch Lügen und andere Wahrheiten von Vanessa Jopp. Die „Lügen“ im Titel sind Programm, denn alle Figuren, die hier vorkommen, lügen sich selbst oder anderen etwas vor oder werden belogen. Ein Makler (Thomas Heinze) verschweigt seiner Verlobten, dass er den Führerschein verloren hat, ein Yogalehrer (Florian David Fitz) predigt Gelassenheit, hat aber ein Aggressionsproblem, eine Zahnarzthelferin (Alina Levshin) wird von ihrer Familie aufs Kreuz gelegt. Amüsant und nett anzusehen.
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*Doris Dörries neuer Dokumentarfilm, Dieses schöne Scheißleben, spielt in Mexiko. Dörrie porträtiert darin weibliche Mariachi in Mexiko City, die sich als Sängerinnen und Musikerinnen in einer sehr männerdominierten Welt behaupten. Die Musik ist toll und pathetisch, mit viel Herz, Schmerz, Tod, aber auch voller Leben, und die Bilder sind sehr berührend. Da schnürte sich mir so manches Mal die Kehle zu. Am 23. Oktober soll der Film ins Kino kommen. Lohnt sich.
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*Ebenfalls ein Dokumentarfilm: Good Luck Finding Yourself. Filmemacher Severin Winzenburg folgt mit der Kamera seiner Mutter Jutta Winkelmann, der 68er-Ikone aus der Kommune um Rainer Langhans. Nach einer (erneuten) Krebsdiagnose geht sie mit Langhans und zwei anderen Frauen aus der Wohngemeinschaft (dem „Harem“) auf eine Reise nach Indien. Was genau sie dort suchen? Schwer zu sagen. Sie forschen nach einem möglichen Nachfolger des Gurus, der einst Langhans „initiiert“ hat, ziehen von Ort zu Ort – und suchen doch eigentlich nur sich selbst. Langhans sucht die meiste Zeit nach funktionierendem Wifi. Manchmal fand ich es schwer zu ertragen, wie die Vier kindisch zanken, zweifeln und nicht zur Ruhe kommen. Von Erleuchtung sind sie weit entfernt. Aber dann wieder geht einem ihre Suche und Winkelmanns Angst vor dem Tod doch sehr nah.
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*Schwer einzuordnen fand ich Nachthelle. Thriller? Beziehungs-Drama? Übersinnlich wird es dann auch noch. Es geht um ein paar Tage in der ostdeutschen Provinz: Anna (Anna Grisebach) fährt mit ihrem Freund Stefan (Vladimir Burlakov) zum ersten Mal seit langem zurück in ihre Heimat. Im Haus ihrer Kindheit werden verdrängte Erinnerungen wach – vor allem, weil auch ihr Exfreund Bernd (Benno Fürmann) und sein Lover Marc (Kai Ivo Baulitz) eifrig darin herumstochern…
filmfest2_nachthelle

 

Alle Bilder: Filmfest München

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