Geguckt, geklickt, gelesen – 2015

So jetzt ist es also da, diese neue Jahr, das mit seinem bleichen Himmel und dem Feuerwerksmüll auf den Straßen schon wieder ziemlich abgenutzt aussieht. Aber dass mit dem neuen (Neuen?) Jahr alles anders wird, ist ja sowieso eine Illusion. Trotzdem achte ich immer penibel darauf, die Ware vom Wäscheständer unbedingt noch im alten (Alten?) Jahr abzuhängen, damit nur ja nichts Altes mit hinüber ins Neue wandert. Wobei ich mich jedes Mal frage, ob ich diesen Aberglauben richtig in Erinnerung habe: Vielleicht darf man auch an allen Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr überhaupt nichts waschen? Aber das halte ich nicht durch.
Mir geistert das alte Jahr also noch ein wenig durch den Kopf. Zum Einen liegt das vermutlich daran, dass es gestern so gespenstisch zu Ende gegangen ist, mit der Terrorwarnung hier in München. Zum anderen hatte ich mich hier auf dem Blog eigentlich noch ausführlicher von 2015 verabschieden wollen. Dann lief mir mal wieder die Zeit davon. Aber als ich heute in meinem E-Mail-Postfach Austin Kleons Liste mit seinen Lieblingsbüchern 2015 fand, beschloss ich, doch auch noch einen Blick zurück zu werfen. Hier kommt er:

Ziemlich am Ende meines Lesejahres, aber auf der Genuss-Liste ganz weit oben: Auf eine Empfehlung in der ZEIT hin habe ich mir den Episodenroman „Momente der Klarheit“ von Jackie Thomae gekauft – und verschlungen. Bitterböse kleine Geschichten, in denen Beziehungen zu Ende gehen.

Noch kürzer, aber auch großartig: Die Stories von Ruth Herzberg „Wie man mit einem Mann glücklich wird„, ein E-Book aus dem Mikrotext-Verlag. Bei Edition F kann man ein bisschen reinlesen.

„Das Gegenteil von Einsamkeit“ ist das Vermächtnis der mit 22 Jahren viel zu früh verstorbenen Marina Keegan. Brillante Stories und Beobachtungen.

Es war bei mir das Jahr der Kurzgeschichten. Auch Lauren Holmes‘ Erzählband „Barbara die Schlampe und andere Leute“ zählt dazu…

…und Katherine Heinys „Single, Carefree, Mellow“ (auf deutsch: Glücklich, vielleicht). Klasse! Es geht übrigens keineswegs nur um Singles. Mir hat es so gut gefallen, dass ich es auch gleich noch verschenkt habe.

Von Laura Barnetts „The Versions of Us“ hatte ich ja schon hier geschwärmt. Und der Nachhall dieses Buches hält immer noch an. Die möglichen Geschichten einer Liebe – spannend.

Noch ein Liebes-Paar: Lancelott (Lotto) und Mathilde. Lauren Groffs „Fates and Furies“ schildert ihre Geschichte erst aus seiner, dann aus ihrer Perspektive. Fesselnd.

Sehr gemocht habe ich auch Liza Codys „Lady Bag“. Hier bereits erwähnt.

Jakob Arjounis Kayankaya-Romane („Happy birthday, Türke!“, „Mehr Bier“, „Ein Mann, ein Mord“, „Kismet“ und „Bruder Kemal“) haben mir ein paar verregnete Tage auf Ibiza erhellt. Ein abgerockter, rotziger Privatdetektiv, der durch das Frankfurt der 80er und 90er Jahre tigert.

Wer „Gone Girl“ mochte, dem wird auch „Girl on a Train“ von Paula Hawkins gefallen. Leicht zu lesen, perfekt auch für Pendler.

Sehr inspiriert hat mich Elizabeth Gilbert mit „Big Magic“, ihre Gedanken zur Kreativität. Einen kleinen Einblick in ihre Philosophie gibt auch ihr TED Talk.

Adele Waldman hat mit „Das Liebesleben des Nathaniel P.“ ja 2015 sehr für Furore gesorgt. Ich habe es gern gelesen. Aber immer noch keinen einzigen Knausgård. Naja, vielleicht dieses Jahr.

Frohes Neues!

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Geguckt, geklickt, gelesen

In zehn Tagen beginnt in München wieder das Filmfest, ich freue mich schon sehr darauf. Aber vorher habe ich mich schon mal mit ein paar anderen Filmen, Serien und Büchern amüsiert. Meine Highlights der letzten Zeit:

  • Roman: Laura Barnett: The Versions of Us
    Romane, in denen verschiedene mögliche Versionen eines Lebens durchgespielt werden, mag ich sehr. Zuletzt Kate Atkinsons Life After Life, schon vor längerer Zeit Lionel Shrivers „The Post-Birthday World“. Darum wurde ich auch bei einer Rezension in der britischen Grazia zu diesem Roman gleich hellhörig. Zu Recht: Was für ein tolles Buch! Ich habe es mit Tränen in den Augen aus den Händen gelegt, mochte mich von den Figuren, die hier erschaffen werden, einfach nicht trennen. Wie die britische Autorin Laura Barnett es schafft, so dicht drei mögliche Variationen der Leben ihrer beiden Hauptfiguren zu erzählen, ist meisterhaft. Dreimal beginnt es mit einer kurzen, zufälligen Begegnung zwischen Eva und Jim, aber dreimal entwickeln sich komplett unterschiedliche Leben der beiden Hauptfiguren daraus. Sie werden ein Paar, oder auch nicht, sind beruflich erfolgreich, oder auch nicht – aber eine Verbindung zwischen ihnen gibt es immer, auf die eine oder andere Weise. Großartig!
  • Krimis: Cilla und Rolf Börjlind: Die SpringflutDie dritte Stimme
    Einen richtig guten Skandi-Krimi hatte ich länger nicht gelesen. Da kamen diese gerade Recht. Eine Kollegin hatte mir den ersten Band einer neuen Reihe geliehen, den die Drehbuchautoren-Duo Cilla und Rolf Börjlind geschrieben haben. Sie schicken ein ungewöhnliches, unfreiwilliges Team auf Verbrecherjagd: Die Polizistenschülerin Olivia Rönning und den ehemaligen Cop, jetzt Obdachlosen, Tom Stilton. Darum herum noch ein Ensemble weiterer liebenswerter Unterstützer. Band 1 ist „Die Springflut“, Band 2 „Die dritte Stimme“ – beide absolute Pageturner!
  • Zeitschrift: Stern Crime
    Apropos Verbrechen: Seit einer Weile liegt das neue Magazin Stern Crime am Kiosk – mitnehmen! Wirklich gut gemacht und sehr lesenswert, diese Zeitschrift über „Wahre Verbrechen“. Etwa der Artikel über einen ungewöhnlichen Bankräuber oder den Skandalmord, der Irland so sehr aufgewühlt hat.
  • Buch: Stephan Harbort: Wenn Frauen morden
    Nachdem ich Stern Crime ausgelesen hatte, musste Nachschub her. Ich habe also ein wenig in meinem Bücherregal gewühlt und ein älteres Buch ausgegraben, das ich schon lange hatte lesen wollen. Kriminalist Stephan Harbort schildert spektakuläre Fälle aus der neueren und älteren Kriminalgeschichte, in denen die Täter Frauen waren. Gibt es mittlerweile auch als Taschenbuch.
  • DVD: Ferdinand von Schirach: Schuld
    Die Bücher von Ferdinand von Schirach (u.a. „Verbrechen“ und „Schuld“), in denen er aus seiner Praxis als Strafverteidiger erzählt, habe ich vor ein paar Jahren verschlungen. Eine feine, ungewöhnliche Sprache, und ein ungewöhnlicher Blickwinkel auf Verbrechens-„Stories“, den man so bislang noch nicht kannte. Kongenial fürs Fernsehen adaptiert wurden die Bücher in der Produktion von Oliver Berben fürs ZDF. Vor zwei Jahren lief die erste 6-teilige Serie zu „Verbrechen“, vor ein paar Monaten jetzt die zu „Schuld“. Fesselnd!
  • DVD: Houdini
    Fesselnd im doppelten Sinne des Wortes ist die Geschichte von Zauberer, nein „Escape Artist“ Harry Houdini, den Adrien Brody in dieser biographischen Mini-Serie brillant verkörpert. Ein Getriebener, der in immer waghalsigeren Stunts mit seinem Leben spielt, z.B. wenn er sich kopfüber, gefesselt in einen Wassertank einsperren lässt oder gefesselt von einer Brücke in ein kleines Eisloch springt. Tolle Unterhaltung.
  • Kino: Love & Mercy
    Ich bin nicht der weltgrößte Beach Boys-Fan, daher hätte mich die Filmbiographie von Beach Boys-Kopf Brian Wilson normalerweise wohl nicht angesprochen. Aber da ich selbst gerade am Drehbuch einer Künstlerbiographie sitze, war mein Interesse geweckt. Und, siehe da – ein toller Streifen! Die Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen, in den 60er bzw. 90er Jahren, beides bedeutsame Perioden im Leben von Brian Wilson. In der frühen Phase ist ein der junge, begnadete Komponist, der den Sound der Beach Boys weiterentwickeln will, aber immer mehr durch psychische Probleme (er hört Stimmen in seinem Kopf) daran gehindert wird. Grandios gespielt von Paul Dano. In der späten Phase spielt John Cusack den älteren Brian, mittlerweile völlig abgedriftet und abhängig von einem dubiosen Psychiater, der ihn mit viel zu vielen Medikamenten in einem Dämmerzustand hält. Aus diesem erwacht er langsam, als er die patente Autoverkäuferin Melinda (Elisabeth Banks) kennenlernt. Eine zarte Liebesgeschichte beginnt.

Couch-Geflüster: Meine März-Bücher

Das beste Mittel gegen Aufschieberitis: sich dadurch zu einer Sache, die man eigentlich schon ewig machen wollte, zu motivieren, dass man sich eine andere Sache vornimmt, die auch ganz dringend erledigt werden sollte. In diesem Fall heißt das: Eigentlich wollte ich hier im Blog dieses Jahr jeden Monat über die Bücher schreiben, die ich gerade so lese. Dann war die Buch-Ausbeute im Januar so mau, und dann kam der Februar und der Urlaub – und jetzt ist es März, ohne dass ich eine einzige Zeile über neue lesenswerte Zeilen geschrieben habe. Weil ich aber eigentlich auch heute zum Sport gehen wollte, habe ich auf einmal irre Lust, endlich diesen (auf meiner imaginären To-Do-Liste) längst fälligen Post zu schreiben. Das nutze ich aus. Hier also, was ich zuletzt gelesen und gemocht habe:

*NoViolet Bulawayo: We Need New Names
Ein Buch, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Die Autorin ist eine simbabwische Schriftstellerin, die in den USA lebt, und ihre Sprache hat so viel Power, dass es einen einfach umhaut. Sie schreibt über ihr Heimatland Simbabwe (ohne dass der Name des Landes jemals fällt) und das, was die Regierung unter Mugabe dort angerichtet hat. Vor allem geht es um die „Operation Murambatsvina“ (Shona für „Müllentsorgung“; offiziell heißt sie „Operation Restore Order“), in der die Regierung seit 2005 mit brutaler Gewalt Menschen aus ihren Behausungen vertreibt und so genannte „informal settlements“ zerstört. Erzählt wird das mit der Stimme eines Mädchens, Darling, das dadurch sein Zuhause verliert und daraufhin im Slum „Paradise“ aufwächst. Der Roman und Darlings Weg, der schließlich nach Amerika führt, wird episodenhaft geschildert. Besonders das titelgebende Kapitel „We Need New Names“ macht mir Gänsehaut. Wir haben Simbabwe letztes Jahr auf unserer Afrika-Reise besucht, vielleicht interessiert es mich deswegen so, was in diesem schönen, gebeutelten Land passiert. Fesselnd, verstörend, berührend.
Was hängenbleibt: Der Gedanke, dass man alles auch ganz anders sehen kann: So denkt die Protagonistin angesichts müllfreier Straßen in Amerika nicht, wie schön sauber es sei, sondern vermisst den Abfall, der in ihrer Heimat den Straßenrand ziert: Daran sehe man doch erst, dass Menschen hier leben.

*Caitlin Moran: How To Be A Woman (dt. how to be a woman. Wie ich lernte, eine Frau zu sein)
Die britische Kolumnistin Caitlin Moran hat mit How To Be A Woman vor zwei Jahren eine Mischung aus Autobiographie, Lebensratgeber und feministischem Manifest vorgelegt – die auch noch wahnsinnig witzig ist. Ehrlich, derb und witzig schildert Moran ihren Weg von der 13-Jährigen, die die Unterhosen ihrer Mutter auftragen muss, zur Mittdreißigerin, die Lady Gaga interviewt, glücklich verheiratet ist, und zwei Kinder hat, und arbeitet dabei amüsant durch, was Frausein heute bedeutet. Feminismus für Fortgeschrittene nannte die Zeit das damals in einer Rezension. Von Highheels, Handtaschen, Sexismus im Büro bis hin zu Intimrasur und Abtreibung – Moran lässt nichts aus. Fragen wie BH-Kauf, Tangas und welche Kosenamen für Brüste und Vagina angemessen sind, verhandelt sie angesichts eigener Erfahrungen und brüllkomischer Anekdoten („my girls“ könne eigentlich keine Frau mehr zu ihren Brüsten sagen, weil man dabei reflexartig an Scarlett Johanssons‘ girls denken müsse, seit die den Begriff einmal verwendet hat). Selten so oft „ja, ja, ja“ gedacht beim Lesen eines Buches. Und so viele Passagen markiert. Zum Beispiel:
*These days, sexism is a bit like Meryl Streep, in a new film: sometimes you don’t recognise it straightaway.
*Oder: You should NOT buy an outfit if you have to strike a sexy pose in the changing-room mirror to make it look good.
*Und: You can always tell when a woman is with the wrong man, because she has so much to say about the fact that nothing’s happening.
Was hängenbleibt: 1. Dass zwei Fragen ausreichen, um herauszufinden, ob man Feministin ist: a) Do you have a vagina? b) Do you want to be in charge of it? Zwei Mal „ja“? Herzlichen Glückwunsch, Sie sind eine Feministin! 2. Ein guter Rat: Um herauszufinden, ob jemand sich gerade frauenfeindlich verhält, solle man sich einfach mal fragen „Ist das höflich?“ (Don’t call it sexism. Call it ‚manners‘ instead.). Und dann auch genauso kontern: „Das war jetzt aber ein wenig… unhöflich.“ Damit nehme man Dummschwätzern den Wind aus den Segeln, ohne hysterisch zu wirken und deswegen nicht ernst genommen zu werden. 3. Noch ein guter Rat: Frauen sollten sich nicht mehr mit Selbstverbesserung und lähmender Selbstkritik stressen, sondern machen statt sein. (Accepting that you’re just some perfectly ordinary woman who is going to have to crack on, work hard and be polite in order to get anything done is – once you’ve got over the crippling disappointment of your thundering ordinariness – incredibly liberating.)

*Gretchen Rubin: The Happiness Project (dt. Das Happiness-Projekt)
Auch dieses Buch ist schon ein paar Jährchen alt und damals durch viele Medien gewandert. Selbstversuche gehen ja immer gut. Aber das meine ich gar nicht zynisch, denn dieses Buch ist toll, ich habe gern gelesen, wie Journalistin Rubin ein Jahr damit verbringt, glücklicher zu werden, indem sie versucht, alle möglichen Erkenntnisse aus der Glücksforschung in die Tat umzusetzen. Ihr Fazit: Ja, es kann einen glücklicher machen, morgens zu singen, den Kleiderschrank auszumisten oder Sachen zu erledigen. Auch mit Hilfe ihres Blogs ist daraus eine richtige Glücks-Bewegung geworden, sehr hands-on, sehr motivierend. Die deutsche Version des Projekts, Das Glücksprojekt von Alexandra Reinwarth, ist übrigens auch sehr nett.
Was hängenbleibt: Zynismus ist einfach, Begeisterung ist mutig. Oder, wie Rubin schreibt: Enthusiasm is a form of social courage. Sie erklärt, warum es manchmal so schwer sein kann zu sagen, dass man etwas gut findet, oder warum wir ungefilterte Begeisterung bei anderen gern belächeln. Eine Studie zeigte zum Beispiel, dass Menschen glauben, die Schreiber von negativen Buchkritiken hätten mehr Ahnung als die von positiven. Also, Mut zum „Gefällt mir“! Und noch ein Satz, den ich mir gemerkt habe: What you do every day matters more than what you do once in a while. Im Augenblick schreibt Rubin übrigens an einem Buch über Gewohnheiten. Bin gespannt drauf!

So, langsam muss ich jetzt aber doch los zum Sport. Deswegen die letzten drei nur noch kurz:

*Zadie Smith: London NW
Ich mag Zadie Smith, ihre Bücher Von der Schönheit und Zähne zeigen fand ich anbetungswürdig. Auf ihr neues Buch über vier Menschen aus dem eher problematischen Londoner Stadtteil North West hatte ich mich daher sehr gefreut. Aber bei London NW packten mich die Charaktere irgendwie nicht. Toll geschrieben, keine Frage, aber diesmal habe ich keinen rechten Zugang gefunden. Klug und erhellend, aber kalt wie Marmor, schrieb die Zeit.

*Daniel Bergner: What Do Women Want? (dt. Die versteckte Lust der Frauen)
Schlaue Journalisten, die schlaue Bücher schreiben, finde ich toll. In diesem geht es um weibliche Sexualität, Lust und Begehren und darum, was die Libido anfeuert – auch, wenn sie mal eingeschlafen ist. Mit diesen Fragen beschäftigen sich ja zurzeit auch diverse Pharmafirmen, die versuchen, eine Art „Viagra für die Frau“ zu entwickeln. Was Bergner aus seinen Gesprächen mit zahlreichen Wissenschaftlern destilliert, ist spannend und super zu lesen und hat für reichlich Wirbel gesorgt: Er sagt zum Beispiel, dass Frauen von Natur aus gar nicht so monogamie-fähig seien, wie sie immer dargestellt werden. Im Zweifelsfall feuert nämlich nichts eine schlappe Libido so sehr an wie ein neuer Partner.

*Robert Galbraith: Der Ruf des Kuckucks
Der Krimi, den Harry Potter-Autorin J.K. Rowling unter Pseudonym geschrieben hat, ist ein ziemlicher Schinken. Irgendwie (auf gute Weise) altmodisch, eine Detektivgeschichte, die sich viel Zeit lässt. Eine nette Lektüre, nur bei der Auflösung geht ihr leider ein wenig die Luft aus. Bin gespannt, ob daraus eine Reihe wird, denn die Hauptfiguren, der abgehalfterte Privatdetektiv Cormoran Strike und seine Sekretärin Robin, hätten das Potenzial dazu.

Lesefutter: Drei schlaue Bücher

Normalerweise will ich, wenn ich ein Buch zur Hand nehmen, eigentlich nur abtauchen und mich in fremde Welten entführen lassen. Aber hin und wieder bin ich überrascht, wie faszinierend man über das echte Leben schreiben kann: Diese drei Sachbücher haben mich in letzter Zeit wirklich gefesselt und mir beim Lesen viele Aha-Erlebnisse beschert.

Stephen Grosz: Die Frau, die nicht lieben wollte (S.Fischer)
Stephen Grosz ist Psychoanalytiker in London und schreibt so faszinierend über seine Arbeit und seine Patienten, dass ich richtiggehend hineingesogen wurde in dieses Buch. Die Frau, die nicht lieben wollte ist kein Selbsthilfe-Feelgood-Ratgeber, sondern eine intime, dichte Sammlung trauriger, bewegender und ermutigender Fallgeschichten. Grosz schildert Wendepunkte und Entwicklungsprozesse aus seinen Therapien, beschreibt, wie Menschen sich selbst im Weg stehen und wie das, was sie verdrängen, sie unbewusst blockiert. Oftmals lässt er das, was er gemeinsam mit seinen Patienten ausgebuddelt hat, dann einfach so stehen. Gab es ein Happy End, wurde doch noch alles gut? Man weiß es nicht, und gerade deswegen bleiben die Geschichten im Kopf und arbeiten weiter. Hat mich ähnlich fasziniert wie Ferdinand von Schirachs Geschichten über seine Erlebnisse als Anwalt in Verbrechen und Schuld. Oh, ich sehe gerade: Am 11.9. erscheint Tabu, ein neuer Roman von Ferdinand von Schirach. Yay!

Charles Duhigg: Die Macht der Gewohnheit (Berlin Verlag)
Ein ganz schöner Schinken, den Wissenschaftsjournalist Charles Duhigg in Die Macht der Gewohnheit über die Mechanismen von Routinen zusammengetragen hat – aber es liest sich so leicht und angenehm, dass man das gar nicht merkt. Immer wieder verdeutlicht er Prinzipien anhand von realen Geschehen: ein verheerender U-Bahn-Brand in London, die Aktienkurse eines Aluminiumherstellers, die Frage, woran man erkennt, dass Frauen schwanger sind oder warum Rosa Parks (auch) aufgrund von Gewohnheiten ihres sozialen Umfelds zu einer Ikone der Bürgerrechtsbewegung wurde (und was Martin Luther King damit zu tun hatte). Und wie ändert man nun eine Gewohnheit? Das Buch liefert viele Antworten, aber was mir am meisten hängengeblieben ist: Eine schlechte Angewohnheit ersetzt man am besten durch eine andere (gute).

Sandra Konrad: Das bleibt in der Familie (Piper)
Psychologin Sandra Konrad erklärt in Das bleibt in der Familie, wie Familien ticken – und warum sie manchmal austicken. Auch sie kann dabei auf zahlreiche Fälle aus ihrer Arbeit zurückgreifen. Spannend: Jeder Mensch bekommt von seinen Eltern unbewusste „Aufträge“ mit auf den Weg. Zum Beispiel: „Du sollst erfolgreich sein“, „du sollst aufbegehren“, „du sollst uns nie verlassen“ oder anderes – Themen, mit denen Eltern die Eltern kämpfen oder gekämpft haben und die sie dann unbewusst an ihre Kinder weitergeben – manchmal sogar an die Enkel. Interessant, um sich auch selbst mal zu fragen: Was trage ich eigentlich mit mir herum? Welche Ansprüche an mich und mein Leben habe ich verinnerlicht – und sind die überhaupt (noch) sinnvoll?

Schmökerstunde: Buchtipps für August

Mein Kindle quillt (gefühlt) gerade über vor lauter Büchern, die ich mir gierig gekauft und noch nicht gelesen habe. Ich muss das Tempo aber gerade ein bisschen rausnehmen (obwohl ich eine Schnell-Leserin bin), um auch noch zu anderen Dingen zu kommen: Mal in die Berge fahren, wie gestern zum Beispiel, als ich frei hatte und Freunde von Mr. B zu Besuch waren. Oder mal wieder ins Kino gehen (The Bling Ring – begeistert), was ich viel zu lange nicht getan habe. Oder eben arbeiten, was man ja auch hin und wieder tut. Aber diese drei Bücher hier habe ich in letzter Zeit dennoch geschafft und gute Zeiten mit ihnen verbracht. Vielleicht ist ja was für euch dabei:

Zum Verschlingen: Gillian Flynn: Gone Girl – Das perfekte Opfer
Es sieht nicht gut aus für Nick, als seine Frau Amy an ihrem fünften Hochzeitstag plötzlich verschwindet. Blutspuren in der Küche, und er hat ein äußerst dünnes Alibi… So weit die Ausgangssituation. Was danach folgt, ist zwar spannend wie ein Thriller, aber eher das genüssliche Auseinandernehmen einer Ehe als ein Krimi. Ich konnte es kaum beiseite legen, dieses spannende und großartig geschriebene Buch. Abwechselnd kommen Nick und Amy (in den Worten ihres Tagebuchs) zu Wort, während sich die Polizei müht, den Fall zu lösen. Was ist nur passiert mit den beiden, die doch einmal das absolute Traumpaar waren? Reese Witherspoon gehört auch zu der riesigen Fan-Gemeinde, die dieses Buch in den USA bereits hat, und hat sich gleich mal die Filmrechte daran gesichert. Rosamund Pike soll Amy spielen und Ben Affleck Nick. Ich bin gespannt!

Zum Naschen: Melanie Gideon: Die Eheprobe
Noch einmal geht es um eine Ehe – ha, ich sehe jetzt erst, dass Beziehungen in diesem Büchermonat wohl das Oberthema sind… Melanie Gideon nähert sich dem in Die Eheprobe aber ganz anders Gillian Flynn: Ihre Geschichte über Alice und William, die sich nach vielen gemeinsamen Jahren ziemlich auseinander gelebt haben, ist eher süßer Schmöker als spannender Pageturner, eine Art Bridget Jones in der Midlife-Crisis. Alice, die unzufriedene Ehefrau, wendet sich in ihrer Verzweiflung dem Computer zu und wendet immer mehr Zeit und Energie für die Teilnahme an einer Ehestudie auf, während ihre eigene Ehe den Bach runtergeht. Nette Feierabendunterhaltung, aber sicherlich nicht mein Buch des Jahres. Achja, auch dieses Buch soll verfilmt werden.

Zum Grübeln: Meg Wolitzer: The Uncoupling
Spannendes Spiel mit einer alten Geschichte: Die US-Autorin greift die Idee der griechischen Komödie Lysistrata – Frauen treten in einen Sex-Streik, um ihre Männer dazu zu bringen, den Krieg zu beenden – und überträgt sie in die Jetzt-Zeit: Während an einer Highschool eben jenes Stück eingeübt wird, beginnt in immer Beziehungen in Stellar Plains, New Jersey, die erotische Eiszeit. Klug und eloquent analysiert Wolitzer die Affären und Beziehungen, vom perfekt eingespielten Ehepaar bis zur frischen Teenie-Liebe und erzählt, was passiert, wenn die Frauen plötzlich kein Bedürfnis nach Sex mehr haben. Den Kunstgriff, dass die Frauen unter einem Bann liegen, also quasi Magie im Spiel ist, fand ich fast ein wenig unnötig, ansonsten habe ich das Buch verschlungen und lese gerade schon das nächste von Meg Wolitzer, nämlich The Interestings. Damit feiert sie gerade in den USA ihren großen Durchbruch.

Soviel für heute. Demnächst gibt es hier übrigens den ersten Gast-Post, und zwar von Herrn Lehmann: Mein Papa hat gefragt, ob er hier wohl mal eine Buchkritik schreiben dürfte, er hat gerade so ein großartiges Buch gelesen. Na klar darf er! Ich freue mich drauf.

Urlaubslektüre: Lieblingsbücher im Juli

Sommerzeit ist Bücherzeit, finde ich. Besser als mit gutem Lesestoff kann man doch kaum entspannen, oder? Und selbst wenn man beim Lesen nicht an einem feinsandigen Strand mit Blick auf türkisfarbenes Meer (oder einen Sonnenuntergang) liegt, träumt man sich eben mittels der Lektüre in ferne Welten. Hier sind ein paar tolle Reisebegleiter:

Wohin? Toskana-Küste und Hollywood
Mit wem? Pasquale Tursi & Dee Moray. Nein, es war keine Liebe auf den ersten Blick, das mit Jess Walters Beautiful Ruins (Schöne Ruinen) und mir. Im ersten Kapitel fühlte ich mich ein bisschen verloren, kam nicht gleich rein. Aber dann, wow! Ab dem zweiten Date Kapitel war ich süchtig. Worum geht es? Schwer zu beschreiben, ohne zu viel zu verraten. Auf jeden Fall beginnt es 1962 in der Toscana. In einem gottverlassenen Fischerdorf strandet eine faszinierende und todunglückliche amerikanische Schauspielerin, Dee Moray. Hotelier Pasquale ist sofort hin und weg. Aber dann wird die Signora krank… In der Jetzt-Zeit in L.A. ist die Assistentin eines Hollywood-Produzenten kurz davor, ihren Job zu kündigen, wartet aber immer noch auf den einen, faszinierenden Pitch, der sie dazu bringen könnte, ihre Entscheidung zu überdenken. Was diese beiden (und noch weitere) Stränge miteinander zu tun haben, wird erst allmählich klar. Die Geschichte springt kunstvoll zwischen verschiedenen Zeit-Ebenen hin und her. Faszinierend für mich als Schreiberin: Im Nachwort erzählt Jess Walter, dass er 15 (fünfzehn!) Jahre und unzählige Überarbeitungen gebraucht hat, bis der Roman endlich fertig war. Durchhaltevermögen lohnt sich also – denn das Buch ist absolut großartig!

Wohin? Chicago, Paris, Pamplona…
Mit wem? Ernest & Hadley Hemingway. In ihrem biographischen Roman The Paris Wife (Madame Hemingway) erzählt Paula McLain die Geschichte der Liebe von Ernest Hemingway und seiner ersten Frau Hadley Richardson. Was für ein wilder Ritt! Hadley bleibt nicht seine einzige Frau, das weiß man über Frauenheld Hemingway, das Ende ist also bekannt. Aber wie McLain das Einander-Finden und -Verlieren in dieser dramatischen, intensiven Beziehung beschreibt, wie sie geradezu in die Köpfe von Hadley und dem jungen Ernest hineinkriecht, das ist trotzdem unglaublich fesselnd und bewegend. Dazu noch als Schauplatz das wilde Paris der 1920er Jahre, wo sich die Hemingways mit literarischen Größen wie Gertrude Stein,  F. Scott Fitzgerald und Ezra Pound betrinken –  großes Kino!

Wohin? Philadelphia und Avalon, New Jersey
Mit wem? Kate, Vanessa & Dani. Drei ungleiche Freundinnen, die sich seit Kindertagen kennen und sich über das Erwachsenwerden und ein traumatisches Erlebnis entfremdet haben, kommen in Meg Donohues All the Summer Girls wieder in dem Strandort Avalon zusammen, wo sie einst viele glückliche Sommer miteinander verbracht haben. Anwältin Kate muss eine Trennung verarbeiten (und die Tatsache, dass sie von ihrem Ex-Verlobten schwanger ist), Vollzeit-Mutter Vanessa kommt nicht über einen Fremdflirt ihres Mannes hinweg und die arbeitslose Dani kämpft mit ihrer Drogensucht und den letzten Seiten ihres Romans. Ein interessanter Erzählkniff, den Donohue ähnlich schon bei How to eat a Cupcake (Das beste Rezept meines Lebens) verwendet hat: Sie schildert die Handlung wechselweise aus den verschiedenen Perspektiven ihrer drei Protagonistinnen. Leicht zu lesen, aber keine Fastfood-Literatur, sondern ein Sommerbuch mit spannenden Frauenfiguren, deren Gefühlen und Gedanken man gerne folgt.

Wohin? Kauzing am Chiemsee
Mit wem? Frau Maier. Vom Roman-Erstling Frau Maier fischt im Trüben meiner Freundin Jessica Kremser habe ich ja schon hier geschwärmt. Jetzt gibt es eine Fortsetzung ihres Chiemsee-Krimis. Gestern ist Frau Maier hört das Gras wachsen erschienen. Ich habe den zweiten Einsatz der schrulligen Hobby-Detektivin aus Kauzing schon vorab gelesen – und geliebt! Ich wünsche mir noch viele, viele weitere Frau Maier-Krimis! Diese Miss Marple vom Chiemsee ist nämlich extrem liebenswert.

Wohin? New York
Mit wem? Jessica & Timothy. Kein Buch, sondern eine sehr unterhaltsame Website: 40 Days of Dating, auf die ich durch Reise-Bloggerin Nina von Smaracuja aufmerksam wurde. Ein Mann und eine Frau, beide Grafik-Designer, Singles, New Yorker und gute Freunde, haben beschlossen, ihre jeweiligen Liebesprobleme in einem Experiment in Angriff zu nehmen. Ausgangsbasis: SIE will Liebe, die ganz große, stürzt sich daher manchmal zu schnell in Beziehungen. ER will Spaß und sagt von sich selbst, er habe Beziehungsangst. Wenn es ernst wird, macht er meistens Schluss. Weil sie gehört haben, dass es 40 Tage dauert, bis man neue Gewohnheiten etabliert hat (ich dachte immer, es seien 30, aber egal) und weil sie sich von den alten Mustern befreien wollen, beschließen sie, einander 40 Tage lang zu daten. Die Regeln: Sie werden sich jeden Tag  sehen,  drei echte „Dates“ pro Woche zu haben, einmal pro Woche zur Paartherapie zu gehen, ein Wochenende gemeinsam wegfahren und während der 40 Tage keine anderen Leute daten. Das Projekt ist bereits abgeschlossen, jetzt wird es in sehr stylishen Posts mit Fragen, Filmchen, Grafiken aufgearbeitet. Heute: Tag 8. Spannend!