10 Dinge, die mir diese Woche gute Laune machen

Viel Grüße aus Asheville, North Carolina. Ich habe mal wieder ein paar Dinge aufgeschrieben, die mir das Leben gerade schöner machen. Wie sieht es bei euch aus?

  • In einer anderen Zeitzone sein
    Ich bin gerade auf Besuch bei meiner ehemaligen Gastfamilie aus dem Schüleraustausch. Damals lebten sie alle in Concord, North Carolina, jetzt haben sie sich kreuz und quer verteilt: Eine Gastschwester lebt mit Mann und Tochter in der Nähe von Boston, Massachusetts (dort war ich letzte Woche), die andere in Asheville, North Carolina (dort bin ich gerade), der Gastbruder in Durham, North Carolina, und schließlich die Gasteltern in der Nähe von Washington, D.C.. Ich klappere sie alle nacheinander ab und bin dabei eine Art digital nomad, arbeite also ein bisschen aus der Ferne für meine deutschen Auftraggeber. Das Tolle daran: Wenn ich hier so gegen halb sieben aufstehe, ist der Tag in Deutschland schon halb rum – und die E-Mails, die ich sonst alle einzeln abgefangen hätte, kommen jetzt in einem Batzen. Nur zu bestimmten Zeiten meine Mails zu checken, wollte ich mir schon längst mal angewöhnen, denn so ist das viel effektiver. Vielleicht klappt die Umstellung ja jetzt. Auch irgendwie sehr schön: Die Vorstellung, dass in Deutschland schon alle schlafen, während hier Nachmittag und Abend in vollem Gange sind.
  • Im Alltag mitschwimmen
    Ich klappere hier also meine Lieblingsamis ab. Die lassen mich in ihren Gästezimmern schlafen und sorgen für Entertainment – müssen aber ganz normal arbeiten. Ich finde das wunderbar, denn so bekomme ich mit – wie damals beim Schüleraustausch – wie das so ist, das ganz normale Leben hier in den USA. Von der Kinderbetreuung (die Anderthalbjährige ist in der Daycare, die sie gruseliger Weise „school“ nennen, als könne der Ernst des Lebens nicht früh genug beginnen) über die Podcasts, die sie hören, die Nachrichten, die sie gucken (Comey-Investitgation, Basketball Playoffs sind gerade die großen Themen), die Jobs, die sie haben, und das Essen, das sie kochen. Meine Gastschwester Melissa ist ganz begeistert von ihrem „Instantpot“, eine Mischung aus Slow Cooker und Schnellkochtopf, und Bethany hat mir im Slow Cooker ihren Lieblings-Linseneintopf gekocht. Viele kleine Schnipsel, aus denen ich ein Bild bastele, wie es ihnen so geht, und mit denen wir uns einander wieder annähern.
  • Ein neuer Podcast-Fund
    Der Mann meiner Gastschwester ist wie ich ein großer Podcast-Fan. Wir haben unsere Playlists verglichen, und ein paar seiner Empfehlungen habe ich gleich aufgenommen. Allen voran: Wait Wait…Don’t Tell Me! Eine Comedy-Quiz-Show, die aktuelle Nachrichten in Entertainment verwandelt – intelligent und urkomisch.
  • Kino-Dekadenz
    Auch wenn ich hier „nur so halb“ im Urlaub bin, gönne ich mir doch ein paar schöne Auszeiten. Gestern zum Beispiel eine Kinovorstellung am Nachmittag. Eigentlich wollten wir ja „Wonder Woman“ sehen, aber dafür gab es nur noch Plätze in der ersten Reihe. Deswegen sind wir auf „Baywatch“ umgeschwenkt. Sehr albern, aber lustig. Das Beste aber war das Kino, in dem wir waren: Da konnte man die Sitze zurückfahren, eine Fußstütze hoch – wie zuhause auf dem Sofa. Ein kleines Klapptischchen fürs Popcorn und Halterungen für die XXL-Getränkebecher gab es natürlich auch.
  • Film-Vorfreude
    Apropos Kino: Wenn ich zurück bin in München, beginnt bald das Filmfest München – meine Lieblingswoche des Jahres. Ich bin schon eifrig dabei, mir mit Hilfe des Festivalplaners mein Programm zusammenzustellen. Kino von morgens bis abends – ein Traum!
  • Zwei gute Stunden
    Eine Film-Empfehlung: Im Kleinstadtkino von Dedham, Massachusetts, habe ich mir, ebenfalls in einer Nachmittagsvorstellung, den Film Their Finest (deutsch: Ihre beste Stunde) angesehen. Ich dachte eigentlich, dass ich keine Zweiter Weltkrieg-Filme mehr sehen kann, aber das Thema, eine Frau, die ins Drehbuchgeschäft stolpert, hat mich interessiert, und Hauptdarstellerin Gemma Arterton mag ich auch sehr. Und dann wurde ich so richtig schön emotional durchgewalkt, wie ich es mag, und hatte zwei wirklich gute Stunden mit diesem Film. Ab 6. Juli auch in Deutschland zu sehen (und kurz vorher auf dem Filmfest München).
  • Ein Roman mit Boston-Flair
    Zufällig sehr passend: Ich hatte mir den Roman Since We Fell von Dennis Lehane auf den Kindle geladen, ohne zu wissen, dass der zu einem großen Teil in Boston spielt, wo ich mich gerade befand. Die Story: Eine Liebesgeschichte samt Psychothriller.
  • Kulinarische Nostalgie
    Diese Reise ist für mich auch ein „trip down memory lane“: Immer wieder schwappen Gedanken hoch an mein siebzehnjähriges Selbst, das damals zum Schüleraustausch hier ankam. Ganz eng verknüpft sind diese Erinnerungen mit dem Essen, das es damals gab. Aus dieser Zeit stammt zum Beispiel meine Vorliebe für Chocolate Chip Cookies, Tex-mex-Küche, Thanksgiving Dinner und mehr. Meine Gastschwester Melissa hat mir ein kulinarisches Willkommenspaket zusammengestellt, und darin befand sich außer einem Chocolate Chip Cookie-Mix und anderen Süßigkeiten auch ein Sixpack Sun Drop. Das ist eine neongelbe Limonade, die in den Südstaaten sehr beliebt ist, irre viel Koffein enthält und so ähnlich schmeckt wie Mountain Dew (falls das jemandem etwas sagt). Was habe ich die damals geliebt! In Concord gab es eine Sun Drop-Fabrik, die wurde jedoch letztes Jahr geschlossen, wie ich jetzt gelernt habe. Mittlerweile gehört die Marke zur Dr Pepper Snapple Group und ich habe mir Softdrinks total abgewöhnt. Aber für Sun Drop musste ich natürlich eine Ausnahme machen. Tja, was soll ich sagen: Die Erinnerung war besser als der tatsächliche Geschmack. Wie gut, dass sich manche Dinge eben doch ändern…
  • Kulinarische Neuentdeckungen
    In Massachusetts haben sie versucht, mich für Lobster Rolls zu begeistern, die lokale Spezialität. Bei Marvel’s Lunch Box in Hull gab’s ganz gute, aber mein neuer Lieblingssnack wird das nicht. Dann schon eher „Shrimp and Grits“, eine Südstaaten-Spezialität, die Melissas Mann Bary gestern Abend für uns gezaubert hat.
  • Yoga mal anders
    Auch wenn ich meine Yogalehrerin quasi dabei habe (in Form der Yogamour-DVDs von Bärbel Mießner), schnuppere ich doch gern mal in fremde Studios rein. Bei Yoga Now in Dedham muss man durch einen Coffeeshop gehen, um zum Übungsraum zu gelangen. Bei Inspired Change Yoga in Asheville bin ich ganz schön ins Schwitzen gekommen und musste eine Weile rätseln, warum die Lehrerin immer „Sayonara“ murmelte, nachdem sie uns in den nach unten schauenden Hund geleitet hatte. Bis ich dann darauf kam. Sie meinte: „Sigh out.“ – tief ausatmen. Das sollte man in der Tat nicht vergessen. Habt ein schönes Wochenende!

10 Dinge, die mir diese Woche gute Laune machen

Filme, Filme, Filme – so sah meine Woche aus, bzw. die vergangenen 9 Tage auf dem Münchner Filmfest. 9 Tage und 28 Filme später bin ich erschöpft, aber glücklich (und muss mich dringend mal wieder bewegen). Nicht alle meine Gute-Laune-Macher haben mit dem Filmfest zu tun, aber doch die meisten…

  • Ausnahmezustand: Wenn Filmfest ist, gelten andere Regeln als sonst, das Leben ist aufregender, die Nächte kürzer und die Tage voller. Ich liebe das.
  • Ein Vortrag von Steve Kaplan: „Warum lacht ihr nicht?“, lautete die Frage, die der Comedy-Guru versuchte, in seinem Vortrag zu beantworten. Dabei wurde jedoch wirklich viel gelacht. Lehrreich und lustig.
  • Der münchnerischste Film des Festivals: So zumindest wurde Dinky Sinky in der Vorführung angepriesen. Eine lakonische Komödie, in der das Leben einer Sportlehrerin mit Kinderwunsch aus dem Ruder läuft. Drehbuch und Regie von HFF-Absolventin Mareille Klein, die dafür den Förderpreis Neues Deutsches Kino für das beste Drehbuch bekam. Verdient! Achja, und der Titel erinnert an die Akronyme DINK (double income no kids) und SINK (single income no kids).
  • Ein München-Krimi: Ein weiterer Film aus der von mir sehr geschätzten Reihe „München Mord“ wurde auf dem Filmfest gezeigt: Wo bist du, Feigling?, basierend auf einer wahren Geschichte. Demnächst im TV.
  • Ein Allgäu-Krimi: Im Fernsehen waren die Kommissar Kluftinger-Filme mit Herbert Knaup bislang an mir vorbeigegangen – aber diesmal hatte ich sehr viel Spaß an dem mit viel Gusto westernmäßig inszenierten Schutzpatron.
  • Eine Coming-of-Age-Geschichte: Ein amerikanischer Indie-Film, der in Deutschland spielt, in Heidelberg, um genau zu sein: Dorthin ist der dreizehnjährige Morris aus Amerika mit seinem Vater hingezogen – und hasst es. Er spricht die Sprache kaum, hat keine Freunde – bis er sich in das coolste Mädchen im Jugendclub verliebt… Ab 3. November im Kino.
  • Ein lustiger Kostümfilm: Mein letzter Film auf dem Festival war Love & Friendship, basierend auf der recht unbekannten Jane Austen-Novelle „Lady Susan“ und die wohl bislang witzigste Jane Austen-Verfilmung, die ich gesehen habe. Mit der wundervollen Kate Beckinsale in der Hauptrolle der intriganten Lady Susan. Ab 29. Dezember bei uns im Kino.
  • Eine Gastro-Neuentdeckung: Die netten Mädels von Frieder Film hatten mich auf ihren Empfang eingeladen. Bei der Gelegenheit war ich zum ersten Mal im sehr netten Tagescafé Stenz (Lindwurmstraße 122) in Sendling. Es gab zum Beispiel perfekt geschmortes Gulasch und eine fatale Mousse au Chocolat. Den Laden kann man auch für Veranstaltungen mieten – sehr zu empfehlen!
  • Italien-Flair in München: Jetzt schon nicht mehr so ganz neu, für mich aber schon: Das Eataly in der Schrannenhalle, Restaurant, Feinkostladen und Event-Location. Ich war zur Präsentation des neuen DelikatEssen dort und sehr angetan.
  • Ein Klassiker mal komisch: Erinnert sich noch jemand an die letzte Szene aus „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“? Wie Hugh Grant Andy McDowell im strömenden Regen einen Nicht-Heirats-Antrag macht? In der „Graham Norton Show“ interpretiert Hugh Grant die Szene noch einmal neu, und von Romantik ist hier keine Spur mehr: Großartig, wie sein Gesicht immer wieder zuckt, weil er sich so sehr das Lachen verkneifen muss…

Filmfest-Fieber Teil 3: Around the World

Ach, jetzt ist es schon wieder rum, das Filmfest. Schön war’s! Bevor nächste Woche wieder gekocht, gebacken und gefuttert wird, hier noch schnell mein Abschlussbericht.

*Eines meiner persönlichen Highlights war Vivir Es Fácil Con Los Ojos Cerrados. Der Titel ist die spanische Übersetzung der Zeile „living is easy with eyes closed“ aus dem Beatles-Lied „Strawberry Fields Forever“. John Lennon drehte 1966 im spanischen Almería den Film „How I Won the War“. „Vivir…“, ein entzückendes Roadmovie, erzählt die Geschichte von Antonio, einem Englisch-Lehrer, der die Gelegenheit nutzen und sein Idol Lennon kennenlernen will. Auf seinem Trip in die Provinz gabelt er zwei zufällige Anhalter auf, die beide so ihre Probleme mit sich herumschleppen. Von der ersten Szene an, in der Antonio seinen Schülern mit dem Beatles-Song „Help“ („Chelp“) Englisch beibringt, war ich hin und weg. Wunderbar herzenswarm und weise. Hier gibt es den spanischen Trailer – einen deutschen Kinostart leider (noch?) nicht.
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*Ziemlich rough dagegen kommt das Leben in Algier daher, das der Episodenfilm Les Terrasses zeigt. Vom ersten bis zum letzten Aufruf zum Gebet erzählt Filmemacher Merzak Allouache in fünf Handlungssträngen Geschichten, die sich an einem Tag auf den Dachterrassen der Stadt abspielen. Harter Tobak, aber fesselnd.filmfest2_terrassses

*Und noch ein Roadmovie: Les Grandes Ondes (à l’Ouest). 1974 schickt das französischsprachige Schweizer Radio zwei Korrespondenten und einen Techniker nach Portugal, um endlich mal positive Geschichten über die Eidgenossen zu erzählen. Die Journalisten sollen zeigen, welche positiven Auswirkungen Schweizer Spenden in Portugal hatten. Viel ist davon jedoch nicht zu finden. Stattdessen stolpern sie mitten hinein in die „Nelkenrevolution“, mit der die Diktatur (ziemlich) friedlich endete. Heiter und melancholisch, eine spannende, amüsante (Zeit-)Reise. Hier der Trailer.
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*Wieder was gelernt: Den Nachnamen von Susan Sarandon spricht man ganz anders aus, als ich immer dachte – nämlich betont auf der ersten, nicht zweiten, Silbe. So sagte es zumindest der Komponist von Ping Pong Summer, der zur Vorstellung des Films da war. Sarandon spielt darin die Tischtennis-Mentorin der jugendlichen Hauptfigur Rad, und auch im echten Leben ist sie großer Fan dieser Sportart. Hübsch ausgestattet schwelgt der Film, der 1985 in Ocean City, Maryland, spielt, im 80er-Jahre-Flair. Manchmal ein bisschen zu viel des Guten, wie ausführlich die Turnschuhe, Kassettenrekorder und Boomboxen gezeigt werden. Die Handlung dagegen ist eher simpel (erste Liebe, Mobbing, Showdown an der Tischtennis-Platte), trotzdem nett.
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*Eher was fürs Fernsehen als großes Kino, dachte ich beim Anschauen von Je Fais le Mort. Gut unterhalten gefühlt habe ich mich aber allemal bei der Story um den arroganten, aber (deswegen) arbeitslosen Schauspieler Jean Renault, der dringend Geld und Arbeitstage braucht und daher einwilligt, in einer Polizei-Untersuchung in einem Ski-Ressort als Opfer den Tathergang mehrerer Morde nachzustellen. Wie er dabei den wahren Mörder findet – und eine neue Liebe – ist sehr unterhaltsam.
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*Ein Film, in dem man sich einfach verlieben muss, hieß es bei der Vorstellung von Swim Little Fish Swim. Hmmm, verliebt habe ich mich nicht, obwohl viele schöne Menschen und schöne Bilder zu sehen waren. Es geht um zwei Künstler in New York. Leeward, der mit selbstgebastelten Instrumenten schräge Songs komponiert, und die Französin Lilas, die ein paar Tage auf seiner Couch schläft und mit einer Video-Installation auf den Durchbruch hofft. Vor allem über Leeward habe ich mich geärgert: Der lehnt einen gut-dotierten Auftrag ab, einen Werbe-Jingle zu komponieren, obwohl ihn seine Frau Mary eindringlich darum bittet, endlich mal etwas zum Familien-Einkommen beizutragen. Leeward aber fürchtet, darunter könnte seine Kreativität leiden. Was für eine dämliche und egoistische Einstellung! Fand ich nicht nachvollziehbar, und das hat mir den Filmgenuss ein wenig verdorben. Wer sich selbst ein Bild machen will: Hier geht es zum Trailer.filmfest6_swim little fish

*Dokumentarisch: That Guy Dick Miller, der Titel trifft es perfekt, denn Dick Miller ist tatsächlich so ein Schauspieler, der immer „that guy“ war und ist. Hin und wieder hatte er auch eine Hauptrolle, aber meistens waren es kleine Parts, die er bekam. Aber was er darin ablieferte, war immer große Kunst. Toll, dass ihm jetzt mal gehuldigt wird und Regisseure und Kollegen seine Arbeit loben. Sehr unterhaltsamer Ritt durch die weniger bekannte Filmgeschichte, über „the greatest actor you’ve never known“. Das Projekt wurde durch Crowdfunding finanziert.
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*Abschlussfilm des Festivals war I Origins von Mike Cahill. Dass im Programmheft „Science Fiction“ stand, hätte mich fast abgeschreckt, aber ich bin froh, dass ich doch drin war. Denn vor allem ist der Film eine Geschichte der Liebe(n), wenn auch die Wissenschaft und das, was sie womöglich in Zukunft alles kann, eine große Rolle darin spielt. Molekularbiologie Ian Gray (toll: Michael Pitt) erforscht das menschliche Auge. Das Fenster zur Seele? Mit solchen (religiösen) Spekulationen hat er nicht viel am Hut. Das ändert sich, als er sich in die mysteriöse Sofi verliebt. Die Amour fou endet tragisch – aber da fängt der Film eigentlich erst richtig an. Tolle Bilder und eine fesselnde Story. (Kinostart: 25.9. 2014)filmfest2_iorigins

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Filmfest-Fieber Teil 2: Neues deutsches Kino

Mir schwirrt der Kopf. Und das Herz. Von all den Filmen, die ich in den letzten Tagen auf dem Filmfest München gesehen habe. Berührt, beglückt, verwirrt, und manchmal auch genervt haben sie mich. Und es ist ja noch nicht vorbei, erst morgen ist der letzte Tag. Was ich besonders mag und in letzter Zeit fast vergessen hatte: Wie schön es ist, mit vielen anderen gemeinsam in einem dunklen Kinosaal zu sitzen und Filme zu erleben, auf emotionale Achterbahnfahrten zu gehen (ähnlich wie heute beim Fußball…). Lachen, Weinen, Wundern – und hinterher fragen: „Na, wie fandest du’s?“
Von „Wir sind die Neuen“ und „Wir waren Könige“ habe ich ja schon hier erzählt (und von „Bornholmer Straße“, aber das wird ja Fernsehen, kein Kino). Hier noch die übrigen deutschen Filme dieser Woche. Der Abschluss mit den Internationalen folgt.

*Ein echtes Highlight:  Der Film Ein Geschenk der Götter von Oliver Haffner mit der wunderbaren Katharina Marie Schubert (wer die „Tatortreiniger“-Folge mit ihr als Prostituierte noch nicht gesehen hat, unbedingt nachholen!). Sie spielt eine Schauspielerin, die am Ulmer Stadttheater geschasst wird und vom Arbeitsamt die Leitung eines Kurses für Langzeitarbeitslose aufs Auge gedrückt bekommt. Mit ihrer Außenseiter-Truppe versucht sie, Sophokles‘ „Antigone“ zu inszenieren – und nebenbei ihr eigenes Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Keine brüllkomische Komödie, aber ein liebevoller, lustiger Film. Einen Kinostart-Termin gibt es bislang noch nicht. Hoffentlich bald!
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*Schwere Kost dagegen: Schönefeld Boulevard von Sylke Enders. In Schönefeld lebt Cindy. Cindy Two, denn es gibt ja auch noch eine Nummer eins, Cindy One. Cindy Two ist moppelig und unbeholfen, wackelt ihrem Abitur entgegen, wird von ihrem Sandkastenfreund und den Klassenkameradinnen gehänselt und sehnt sich danach, dass ihr Leben endlich richtig anfängt. Eine mal harte, mal zarte Coming-of-Age-Geschichte.
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*Die Entstehungsgeschichte sieht man Worst Case Scenario an: Während der EM 2012 in Polen wollte Regisseur Franz Müller eigentlich dort einen Film drehen. Dann brach die Finanzierung weg, das Projekt drohte zu scheitern. Müller fuhr trotzdem nach Polen und drehte mit Mini-Mitteln einen Film über das Scheitern eines Films. Für das Drehbuchschreiben blieb leider nicht viel Zeit, darum mussten die Schauspieler oft improvisieren. Das machen sie eigentlich gut, aber trotzdem konnte ich bei dem Film, der mehr wie ein Dokumentarfilm als eine Komödie (was er wohl eigentlich sein sollte) wirkt, nicht wirklich mitgehen. Vor allem, weil die Hauptfigur, der Regisseur Marc, den Samuel Finzi spielt, von Anfang an so unsympathisch gezeigt wird, dass man überhaupt kein Interesse daran hat, ob er seinen Film nun drehen kann oder nicht. Schade.
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*Ich mag Episodenfilme. Und ich mochte auch Lügen und andere Wahrheiten von Vanessa Jopp. Die „Lügen“ im Titel sind Programm, denn alle Figuren, die hier vorkommen, lügen sich selbst oder anderen etwas vor oder werden belogen. Ein Makler (Thomas Heinze) verschweigt seiner Verlobten, dass er den Führerschein verloren hat, ein Yogalehrer (Florian David Fitz) predigt Gelassenheit, hat aber ein Aggressionsproblem, eine Zahnarzthelferin (Alina Levshin) wird von ihrer Familie aufs Kreuz gelegt. Amüsant und nett anzusehen.
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*Doris Dörries neuer Dokumentarfilm, Dieses schöne Scheißleben, spielt in Mexiko. Dörrie porträtiert darin weibliche Mariachi in Mexiko City, die sich als Sängerinnen und Musikerinnen in einer sehr männerdominierten Welt behaupten. Die Musik ist toll und pathetisch, mit viel Herz, Schmerz, Tod, aber auch voller Leben, und die Bilder sind sehr berührend. Da schnürte sich mir so manches Mal die Kehle zu. Am 23. Oktober soll der Film ins Kino kommen. Lohnt sich.
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*Ebenfalls ein Dokumentarfilm: Good Luck Finding Yourself. Filmemacher Severin Winzenburg folgt mit der Kamera seiner Mutter Jutta Winkelmann, der 68er-Ikone aus der Kommune um Rainer Langhans. Nach einer (erneuten) Krebsdiagnose geht sie mit Langhans und zwei anderen Frauen aus der Wohngemeinschaft (dem „Harem“) auf eine Reise nach Indien. Was genau sie dort suchen? Schwer zu sagen. Sie forschen nach einem möglichen Nachfolger des Gurus, der einst Langhans „initiiert“ hat, ziehen von Ort zu Ort – und suchen doch eigentlich nur sich selbst. Langhans sucht die meiste Zeit nach funktionierendem Wifi. Manchmal fand ich es schwer zu ertragen, wie die Vier kindisch zanken, zweifeln und nicht zur Ruhe kommen. Von Erleuchtung sind sie weit entfernt. Aber dann wieder geht einem ihre Suche und Winkelmanns Angst vor dem Tod doch sehr nah.
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*Schwer einzuordnen fand ich Nachthelle. Thriller? Beziehungs-Drama? Übersinnlich wird es dann auch noch. Es geht um ein paar Tage in der ostdeutschen Provinz: Anna (Anna Grisebach) fährt mit ihrem Freund Stefan (Vladimir Burlakov) zum ersten Mal seit langem zurück in ihre Heimat. Im Haus ihrer Kindheit werden verdrängte Erinnerungen wach – vor allem, weil auch ihr Exfreund Bernd (Benno Fürmann) und sein Lover Marc (Kai Ivo Baulitz) eifrig darin herumstochern…
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Alle Bilder: Filmfest München

Filmfest-Fieber

Das Filmfest München (das 32.) wurde am Freitag eröffnet, und ich habe mich voller Elan hineingestürzt. Ein erstes kurzes Fazit nach 2 Tagen und 798 gesehenen Filmminuten:

*Viel Spaß gemacht hat mir die deutsche Komödie „Wir sind die Neuen“ von „Shoppen“-Regisseur Ralf Westhoff, die am 17. Juli im Kino anläuft. Die Story: Drei Alt-68er (großartig gespielt von Gisela Schneeberger, Michael Wittenborn und Heiner Lauterbach) ziehen wieder zusammen in eine WG und geraten mit den Nachbarn über ihnen (drei ober-spießigen Studenten) aneinander. Witzig, unterhaltsam (ohne platt zu sein), und mit großartigen Dialoge.
Filmfest_Wir sind die Neuen
*In den Foodie-Film „Chef“ von und mit Jon Favreau sollte man keinesfalls hungrig gehen, denn der Streifen ist Food Porn pur. Aber die große Stärke dieses Films ist auch seine größte Schwäche: Es wird so ausführlich in opulenten Essens-Bildern geschwelgt, dass man davon schließlich fast ein wenig davon genervt ist, weil sie die Handlung nicht vorantreiben. Ein paar Minuten weniger hätten dem Film gut getan. Und dass Scarlett Johansson ab der Hälfte des Films komplett verschwindet, ist auch unbefriedigend. Ein deutscher Kinostart ist noch nicht bekannt, in den USA lief „Chef“ bereits im Mai an.
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*Dann habe ich mir noch eine bitterböse französische Komödie gegeben: „Quai d’Orsay“. Ein junger Mann fängt als Redenschreiber beim französischen Außenminister an. Sein neuer Boss ist ein Schaumschläger, der mit großen (leeren) Worten nur so um sich schmeißt, jede Rede x-fach überarbeiten lässt und gerne „wichtige“ Passagen in Büchern mit neonfarbenen Markern anstreicht. Amüsant!
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*Den Abschluss des ersten Tages bildete „Wir waren Könige“, ein Film über eine zerbröckelnde SEK-Einheit und zwei Jugendbanden, der im November ins Kino kommen soll. Ein riesiges Ensemble, jede Menge Testosteron und viel Aufwand. Aber was düstere Polizeifilme angeht, haben mich Serien wie „KDD – Kriminaldauerdienst“ oder „Im Angesicht des Verbrechens“ irgendwie noch mehr gepackt.
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*Düster war auch der Start in den heutigen Tag: „Matar a un hombre“, ein chilenischer Film um einen Mann, der keinen Ausweg mehr weiß, als ein Kleinkrimineller ihm und seiner Familie das Leben zur Hölle macht, als die Situation selbst in die Hand zu nehmen. Die Figuren blieben mir seltsam fern, was vielleicht auch daran lag, dass die Kamera ihnen nie nah kam, dass man ihnen wirklich in die Augen sehen konnte.
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*Sehr intensiv, sehr wunderlich: Der italienische Beitrag „Le Meraviglie – Die Wunder“. Eine Familie, die ihren Lebensunterhalt mit Bienenzucht bestreitet, ein Mädchen, das langsam erwachsen wird, ein seltsames Pflegekind und eine Fernsehsendung, in der die besten Landwirte prämiert werden sollen… – so wirklich lässt sich der Inhalt dieser Geschichte nicht nacherzählen, aber das Ergebnis war berührend.
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*Gelacht, geweint und sehr gemocht: „Bornholmer Straße“, die Geschichte des Oberstleutnant Harald Schäfer, der in Wirklichkeit „Jäger“ heißt und am 9. November 1989 als erster die Grenze öffnete. Regisseur Christian Schwochow (u.a. „Der Turm“, „Westen“) hat das mit Charly Hübner in der Hauptrolle komisch und ernst zugleich inszeniert. Toll, wie er diese Balance hinbekommen hat. Das Drehbuch haben seine Eltern Heide und Rainer Schwochow geschrieben, basierend auf dem Sachbuch „Der Mann, der die Mauer öffnete“ von Gerhard Haase-Hindenberg. Der Film wird zum 25-jährigen Mauerjubiläum 2014 in der ARD zu sehen sein. Unbedingt angucken!
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*Und noch ein Highlight am Abend: „The Skeleton Twins“ mit der großartigen Kristen Wiig (kennt man aus „Brautalarm“) und ihrem Saturday Night Live-Kollegen Bill Hader. Die beiden spielen Zwillinge, die sich entfremdet haben und sich beide das Leben nehmen wollen. Wie sie sich wieder annähern und gemeinsam (und jeder für sich) die Vergangenheit aufarbeiten, ist eine großartige Mischung aus traurig und witzig. Regisseur Craig Johnson war da, um den Film zu präsentieren, und erzählte, dass er von der ersten Fassung des Drehbuchs bis zum Drehbeginn acht Jahre gebraucht hat. Die haben sich gelohnt – und wurden zu Recht mit einem Drehbuch-Preis in Sundance belohnt.
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Morgen geht es weiter mit Filmegucken, ich freue mich!

 

 

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