Urlaubslektüre: Lieblingsbücher im Juli

Sommerzeit ist Bücherzeit, finde ich. Besser als mit gutem Lesestoff kann man doch kaum entspannen, oder? Und selbst wenn man beim Lesen nicht an einem feinsandigen Strand mit Blick auf türkisfarbenes Meer (oder einen Sonnenuntergang) liegt, träumt man sich eben mittels der Lektüre in ferne Welten. Hier sind ein paar tolle Reisebegleiter:

Wohin? Toskana-Küste und Hollywood
Mit wem? Pasquale Tursi & Dee Moray. Nein, es war keine Liebe auf den ersten Blick, das mit Jess Walters Beautiful Ruins (Schöne Ruinen) und mir. Im ersten Kapitel fühlte ich mich ein bisschen verloren, kam nicht gleich rein. Aber dann, wow! Ab dem zweiten Date Kapitel war ich süchtig. Worum geht es? Schwer zu beschreiben, ohne zu viel zu verraten. Auf jeden Fall beginnt es 1962 in der Toscana. In einem gottverlassenen Fischerdorf strandet eine faszinierende und todunglückliche amerikanische Schauspielerin, Dee Moray. Hotelier Pasquale ist sofort hin und weg. Aber dann wird die Signora krank… In der Jetzt-Zeit in L.A. ist die Assistentin eines Hollywood-Produzenten kurz davor, ihren Job zu kündigen, wartet aber immer noch auf den einen, faszinierenden Pitch, der sie dazu bringen könnte, ihre Entscheidung zu überdenken. Was diese beiden (und noch weitere) Stränge miteinander zu tun haben, wird erst allmählich klar. Die Geschichte springt kunstvoll zwischen verschiedenen Zeit-Ebenen hin und her. Faszinierend für mich als Schreiberin: Im Nachwort erzählt Jess Walter, dass er 15 (fünfzehn!) Jahre und unzählige Überarbeitungen gebraucht hat, bis der Roman endlich fertig war. Durchhaltevermögen lohnt sich also – denn das Buch ist absolut großartig!

Wohin? Chicago, Paris, Pamplona…
Mit wem? Ernest & Hadley Hemingway. In ihrem biographischen Roman The Paris Wife (Madame Hemingway) erzählt Paula McLain die Geschichte der Liebe von Ernest Hemingway und seiner ersten Frau Hadley Richardson. Was für ein wilder Ritt! Hadley bleibt nicht seine einzige Frau, das weiß man über Frauenheld Hemingway, das Ende ist also bekannt. Aber wie McLain das Einander-Finden und -Verlieren in dieser dramatischen, intensiven Beziehung beschreibt, wie sie geradezu in die Köpfe von Hadley und dem jungen Ernest hineinkriecht, das ist trotzdem unglaublich fesselnd und bewegend. Dazu noch als Schauplatz das wilde Paris der 1920er Jahre, wo sich die Hemingways mit literarischen Größen wie Gertrude Stein,  F. Scott Fitzgerald und Ezra Pound betrinken –  großes Kino!

Wohin? Philadelphia und Avalon, New Jersey
Mit wem? Kate, Vanessa & Dani. Drei ungleiche Freundinnen, die sich seit Kindertagen kennen und sich über das Erwachsenwerden und ein traumatisches Erlebnis entfremdet haben, kommen in Meg Donohues All the Summer Girls wieder in dem Strandort Avalon zusammen, wo sie einst viele glückliche Sommer miteinander verbracht haben. Anwältin Kate muss eine Trennung verarbeiten (und die Tatsache, dass sie von ihrem Ex-Verlobten schwanger ist), Vollzeit-Mutter Vanessa kommt nicht über einen Fremdflirt ihres Mannes hinweg und die arbeitslose Dani kämpft mit ihrer Drogensucht und den letzten Seiten ihres Romans. Ein interessanter Erzählkniff, den Donohue ähnlich schon bei How to eat a Cupcake (Das beste Rezept meines Lebens) verwendet hat: Sie schildert die Handlung wechselweise aus den verschiedenen Perspektiven ihrer drei Protagonistinnen. Leicht zu lesen, aber keine Fastfood-Literatur, sondern ein Sommerbuch mit spannenden Frauenfiguren, deren Gefühlen und Gedanken man gerne folgt.

Wohin? Kauzing am Chiemsee
Mit wem? Frau Maier. Vom Roman-Erstling Frau Maier fischt im Trüben meiner Freundin Jessica Kremser habe ich ja schon hier geschwärmt. Jetzt gibt es eine Fortsetzung ihres Chiemsee-Krimis. Gestern ist Frau Maier hört das Gras wachsen erschienen. Ich habe den zweiten Einsatz der schrulligen Hobby-Detektivin aus Kauzing schon vorab gelesen – und geliebt! Ich wünsche mir noch viele, viele weitere Frau Maier-Krimis! Diese Miss Marple vom Chiemsee ist nämlich extrem liebenswert.

Wohin? New York
Mit wem? Jessica & Timothy. Kein Buch, sondern eine sehr unterhaltsame Website: 40 Days of Dating, auf die ich durch Reise-Bloggerin Nina von Smaracuja aufmerksam wurde. Ein Mann und eine Frau, beide Grafik-Designer, Singles, New Yorker und gute Freunde, haben beschlossen, ihre jeweiligen Liebesprobleme in einem Experiment in Angriff zu nehmen. Ausgangsbasis: SIE will Liebe, die ganz große, stürzt sich daher manchmal zu schnell in Beziehungen. ER will Spaß und sagt von sich selbst, er habe Beziehungsangst. Wenn es ernst wird, macht er meistens Schluss. Weil sie gehört haben, dass es 40 Tage dauert, bis man neue Gewohnheiten etabliert hat (ich dachte immer, es seien 30, aber egal) und weil sie sich von den alten Mustern befreien wollen, beschließen sie, einander 40 Tage lang zu daten. Die Regeln: Sie werden sich jeden Tag  sehen,  drei echte „Dates“ pro Woche zu haben, einmal pro Woche zur Paartherapie zu gehen, ein Wochenende gemeinsam wegfahren und während der 40 Tage keine anderen Leute daten. Das Projekt ist bereits abgeschlossen, jetzt wird es in sehr stylishen Posts mit Fragen, Filmchen, Grafiken aufgearbeitet. Heute: Tag 8. Spannend!

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10 Bücher, die mich begeistern

Früher wäre es mir wie Frevel erschienen, Bücher wegzuwerfen. Heute trenne ich mich viel leichter. Sie landen meistens nicht im Altpapier, sondern im Oxfam Shop oder auf Momox. Bei Harald Martenstein habe ich mal gelesen, dass er für jedes neue Buch ein altes aussortiert. Ganz so weit bin ich noch nicht. Aber ich mag seinen Gedanken, den Inhalt seines Bücherregals immer weiter einzudampfen, bis wie bei einem guten Fond nur noch die Essenz übrigbleibt. Mittlerweile stehen neue Bücher bei mir allerdings meist nicht mehr im Regal, sondern sind auf dem Kindle gespeichert. Platzmäßig super, aber was schade daran ist: Mein Bücherregal lädt nicht mehr zu Diskussionen über aktuelle Lektüren und Alltime-Favorites ein. (Und vererben kann ich die digitalen Besitztümer vermutlich auch nicht, schreibt zumindest die Zeit). Darum stelle ich meine aktuellen Lieblinge jetzt einfach mal in mein virtuelles Bücherregal. Hier sind sie:

Weil ich gerade süchtig bin nach der kanadischen Zeitreise-Serie Being Erica, hat mich die Prämisse von Kate Atkinsons Life After Life (erscheint im September auf deutsch) fasziniert: Eine Frau wird geboren, 1910. Aber nicht nur einmal, sondern wieder und wieder. Weil sie erst schon bei der Geburt stirbt, später als Kleinkind, dann als junge Frau. Und mit jeder Wiedergeburt trifft sie in Schlüsselmomenten ihres Lebens andere Entscheidungen oder andere Zufälle greifen. Spannend, wie sich dadurch ihr Weg immer wieder wandelt. Noch ein Blick in die Vergangenheit: 1913 von Florian Illies. Eine echte Fleißarbeit, wie Illies hier zusammengetragen hat, was Größen wie Sigmund Freud, Thomas Mann, Kafka, Kirchner und Konsorten in diesem einen Jahr so alles geschrieben, getan und gemalt haben. Klingt dröge? Ist es aber nicht, ganz und gar nicht. Das Buch macht Spaß. Und schlau. Weil Geschichte damit so lebendig wird. Kleine Kostprobe: „Apropos kränkelnd. Wo steckt eigentlich Rilke?“
Rauf und runter besprochen in den Feuilletons wurde ja Taiye Selasis Diese Dinge geschehen nicht einfach so – und zu Recht hochgelobt! Ich habe es auf Englisch gelesen, da heißt der Roman „Ghana must go“. Das hat mich gereizt, denn in Ghana war ich vor vielen, vielen Jahren auch schon mal. Wie Selasi das Gefühl der Zerrissenheit beschreibt, das Nirgendwohin-Gehören, das jedes Familienmitglied dieser Afropolitan Expats anders erlebt und verarbeitet, hat mich sehr berührt. Faszinierend fand ich, wie Eva Menasse (deren „Vienna“ ich schon sehr geliebt habe) in Quasikristalle die verschiedenen Facetten einer Frau von unterschiedlichen Wegbegleitern aus ihrem Leben erzählen lässt. Keine leichte Strandlektüre, eher Sparring für den Geist. Aber so fesselnd! Beispiel: „Sie küsste ihn höflich, als wäre Küssen eine exzentrische Verzierung des normalen Umgangs, nicht der zarte Beginn von etwas Überwältigendem.“
Johanna Adorjáns Meine 500 besten Freunde sind teilweise miteinander verknüpfte Kurzgeschichten, ein Kaleidoskop aus Berliner Charakteren. Böse, desillusionierend, aber großartig.
Auch wenn man – wie ich – von Baseball keine Ahnung hat, sollte man Die Kunst des Feldspiels (auf Englisch: „The Art of Fielding“) von Chad Harbach unbedingt lesen. Eins von den Büchern, bei denen man sich nicht vorstellen kann, jemals wieder ein anderes ähnlich gutes zu finden, wenn man es ausgelesen hat. Eines von den Büchern, die man vermisst, wenn sie zu Ende sind.
Buch-Empfehlungen aus dem Oprah Magazine vertraue ich eigentlich immer blind. Darum habe ich auch Still Points North. One Alaskan Childhood, One Grown-up World, One Long Journey Home von Leigh Newman gekauft. Obwohl mich Alaska eigentlich gar nicht interessiert hat. Aber wie ehrlich Journalistin Leigh Newman erzählt, wie sie als Scheidungskind zwischen ihrem Vater mit der neuen, heilen Familie in Alaska und der ständig klammen Mutter in Baltimore hin- und herpendelt, und wie sie als Erwachsene immer noch versucht, die Scherben zu kleben, das packt mich. Vielleicht weil ich auch ein Scheidungskind bin.
Lionel Shriver kennt man vermutlich von „We need to talk about Kevin“ (mit Tilda Swinton verfilmt), mir ist sie durch „The Post-Birthday World“ ein Begriff (eines meiner Lieblingsbücher). Ihr neues Buch heißt Big Brother und hat nichts mit schlechten Fernsehserien oder Überwachungsstaaten zu tun. Es geht um eine Frau, deren Bruder lebensbedrohlich übergewichtig ist und die versucht, ihm dabei zu helfen abzunehmen. Was ihre Ehe und ihre eigene Gesundheit bald ziemlich gefährdet. Traurig: Inspiration für dieses Buch war der Tod von Shrivers Bruder, der tatsächlich schwerst übergewichtig war.
Außerdem wichtig für mich: Meine liebe Freundin Jessica Kremser hat den kleinen, feinen Chiemgau-Krimi Frau Maier fischt im Trüben geschrieben. Erst hatte ich ein bisschen Angst, ihn zu lesen: Was, wenn mir ihre Schreibe nicht gefällt? Dann habe ich ihr Buch in einem Rutsch verschlungen – und mag sie jetzt noch mehr. Weil ihre Sprache toll ist, weil sie es schafft, mir eine alte Frau ganz nah zu bringen. Und weil sie es tatsächlich durchhält, auf 307 Seiten den Namen von Frau Maiers Katze nicht zu verraten (und die Katze taucht häufig auf!). Bald gibt es übrigens schon den zweiten „Frau Maier“-Krimi. Ich freu mich drauf.
Meine ehemalige Kollegin Meike Winnemuth (damals bei der Cosmopolitan) hat über ihr Jahr in 12 Städten rund um den Globus nicht nur spannend gebloggt, sondern mit ihrem Buch Das große Los noch eins drauf gesetzt. Auch wenn man, wie ich, ihr im Blog gefolgt ist, wird es nicht langweilig, das zu lesen. Reisebericht und Lebenshilfe in einem, macht es natürlich Lust, sofort die Koffer zu packen – aber man hat auch zuhause auf dem Sofa viel davon. Lieblingszitat: „Du musst nichts werden, Du bist schon was. Um herauszufinden, was das ist, dazu bist du auf der Welt. Du bist Dein eigener Zweck.“  Einfach schön.

Aktuell lese ich „The Paris Wife“ von Paula McLain („Madame Hemingway“ auf deutsch). Fängt gut an, ich werde berichten.